"Man kann es sich leicht machen und postulieren: die römisch-katholische Kirche als Hüterin des Glaubens und der Glaubenswahrheit sagt mir in ihren Dogmen, was wahr ist und was nicht."
"Aber dann wüßte ich gerne: welches sollen die Kriterien zur Überprüfung sein?"
Wenn es um Wahrheit geht, hat jeder seine eigene Basis: ein Atheist wird etwa die ganze Diskussion Luthers um den Ablasshandel für absurd halten, weil er nicht einmal an dessen Basis (Gott) glaubt, geschweige denn an so etwas wie eine christliche Religion. Ein Katholik, ein evangelischer Christ, ein Buddhist, ein Moslem usw. werden alle einen eigenen Zugang zur Wahrheit haben.
Die Philosophie ist die eigentliche Disziplin der Suche nach Wahrheit - wo man einmal (je nach eigener Ausrichtung) jeden äußeren Wahrheitsanspruch (oder wenigstens jede äußere Instanz, wie Gott oder Kirche) aufhebt, und sich selbst auf die Suche macht. Das Problem ist nur, dass das, was man so (quasi aus sich selbst heraus) herausfindet, immer nur subjektiv sein kann und zudem immer auch von dem eigenen Weltbild bzw. von den Werten der eigenen Kultur bestimmt ist. Semireligiöse Denkgebäude, die auf solchen Konzepten aufbauen (Buddhismus, Taoismus), haben daher ihre eigenen Grenzen: ein Buddhist ist einerseits zwar relativ frei, nach der Wahrheit zu suchen - doch wenn er etwa nicht an die Reinkarnation (und das Welt- und Menschenbild des Buddhismus im Allgemeinen) glaubt: ist er dann überhaupt noch Buddhist?
Eine (Offenbarungs-)Religion ist etwas grundsätzlich anderes als eine eigene Suche nach der Wahrheit. Hier wird die Wahrheit von einer anderen Instanz (Gott) offenbart: und wenn man als Mensch diese Offenbarung als wahr akzeptiert, dann hat das radikale Konsequenzen für einen selbst. Wenn man "die Wahrheit" sich nämlich nicht selbst zusammengestoppelt, sondern von DER WAHRHEIT selbst offenbart bekommen hat, kann man nicht so tun, als würde man die Tatsache dieser Offenbarung zwar einerseits akzeptieren, aber andererseits an einem ganz individuellen und subjektiven Weg zur Wahrheit festhalten. (Wieder mal also: "Was ist Wahrheit?" vs. "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".)
Der katholische Glaube basiert daher im Grunde auf zwei Postulaten: 1. Ich glaube, dass Christus die Wahrheit ist. (Joh 14:6) 2. Ich glaube, dass Christus eine irdische Institution, die Kirche gegründet hat, um diese Wahrheit zu bewahren und zu verbreiten. (Mt 16:18)
Aus diesem Grundvertrauen gegenüber der von Christus gegründeten Kirche ergibt sich alles Weitere. Es geht nicht darum, "es sich leicht zu machen", und einfach sein Hirn beim Kircheneingang abzugeben. Ganz im Gegenteil: es geht um eine intensive geistige Auseinandersetzung mit dem ganz Anderen, mit der Offenbarung Gottes - einfach darum, sich heranzuglauben.
mr94
· 4 years ago
Der Protestantismus (in meiner plakativen Definition) hat im Prinzip den Glauben und die Religion - bis dato als Bindung an eine, ja die objektive Wahrheit verstanden, die sich selbst in Christus offenbart hatte - in den Bereich des Subjekts, des Subjektiven und des Privaten verlegt. Dieses Konzept war in der frühen Neuzeit enorm erfolgreich. Es mangelt ihm aber offenkundig an Nachhaltigkeit. Dafür sprechen die zahlreichen Auflösungstendenzen der protestantischen Kirchen, ihrer Liturgie (wie z.B. Fulbert Steffensky diagnostiziert) und ihrer Theologie.
Evangelikale antworten auf dieses Problem mit einer Radikalisierung des sola scriptura zum Bibelfundamentalismus. Auch dieses Konzept ist in der späten Neuzeit enorm erfolgreich. Doch dürfte es ebenfalls nicht nachhaltig sein. Das Christentum ist ja, anders als der Islam, keine Buchreligion. Ich würde sogar sagen, mit dem Heiligen Buch alleine kann man nicht viel anfangen. (Das sagt ja auch Matthias, wenn er auf der Notwendigkeit einer Kirche besteht.)
Früher oder später wird auch ein Bibelfundamentalismus mit der kirchengeschichtlichen Tatsache konfrontiert, dass die Kanonisierung der Bibel ein Prozess war, der sich über Jahrhunderte erstreckte - und der ein erkenntnisfähiges und vom Heiligen Geist geleitetes Subjekt voraussetzt: die Kirche.
"Aber dann wüßte ich gerne: welches sollen die Kriterien zur Überprüfung sein?"
Wenn es um Wahrheit geht, hat jeder seine eigene Basis: ein Atheist wird etwa die ganze Diskussion Luthers um den Ablasshandel für absurd halten, weil er nicht einmal an dessen Basis (Gott) glaubt, geschweige denn an so etwas wie eine christliche Religion. Ein Katholik, ein evangelischer Christ, ein Buddhist, ein Moslem usw. werden alle einen eigenen Zugang zur Wahrheit haben.
Die Philosophie ist die eigentliche Disziplin der Suche nach Wahrheit - wo man einmal (je nach eigener Ausrichtung) jeden äußeren Wahrheitsanspruch (oder wenigstens jede äußere Instanz, wie Gott oder Kirche) aufhebt, und sich selbst auf die Suche macht. Das Problem ist nur, dass das, was man so (quasi aus sich selbst heraus) herausfindet, immer nur subjektiv sein kann und zudem immer auch von dem eigenen Weltbild bzw. von den Werten der eigenen Kultur bestimmt ist. Semireligiöse Denkgebäude, die auf solchen Konzepten aufbauen (Buddhismus, Taoismus), haben daher ihre eigenen Grenzen: ein Buddhist ist einerseits zwar relativ frei, nach der Wahrheit zu suchen - doch wenn er etwa nicht an die Reinkarnation (und das Welt- und Menschenbild des Buddhismus im Allgemeinen) glaubt: ist er dann überhaupt noch Buddhist?
Eine (Offenbarungs-)Religion ist etwas grundsätzlich anderes als eine eigene Suche nach der Wahrheit. Hier wird die Wahrheit von einer anderen Instanz (Gott) offenbart: und wenn man als Mensch diese Offenbarung als wahr akzeptiert, dann hat das radikale Konsequenzen für einen selbst. Wenn man "die Wahrheit" sich nämlich nicht selbst zusammengestoppelt, sondern von DER WAHRHEIT selbst offenbart bekommen hat, kann man nicht so tun, als würde man die Tatsache dieser Offenbarung zwar einerseits akzeptieren, aber andererseits an einem ganz individuellen und subjektiven Weg zur Wahrheit festhalten. (Wieder mal also: "Was ist Wahrheit?" vs. "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".)
Der katholische Glaube basiert daher im Grunde auf zwei Postulaten:
1. Ich glaube, dass Christus die Wahrheit ist. (Joh 14:6)
2. Ich glaube, dass Christus eine irdische Institution, die Kirche gegründet hat, um diese Wahrheit zu bewahren und zu verbreiten. (Mt 16:18)
Aus diesem Grundvertrauen gegenüber der von Christus gegründeten Kirche ergibt sich alles Weitere. Es geht nicht darum, "es sich leicht zu machen", und einfach sein Hirn beim Kircheneingang abzugeben. Ganz im Gegenteil: es geht um eine intensive geistige Auseinandersetzung mit dem ganz Anderen, mit der Offenbarung Gottes - einfach darum, sich heranzuglauben.
Evangelikale antworten auf dieses Problem mit einer Radikalisierung des sola scriptura zum Bibelfundamentalismus. Auch dieses Konzept ist in der späten Neuzeit enorm erfolgreich. Doch dürfte es ebenfalls nicht nachhaltig sein. Das Christentum ist ja, anders als der Islam, keine Buchreligion. Ich würde sogar sagen, mit dem Heiligen Buch alleine kann man nicht viel anfangen. (Das sagt ja auch Matthias, wenn er auf der Notwendigkeit einer Kirche besteht.)
Früher oder später wird auch ein Bibelfundamentalismus mit der kirchengeschichtlichen Tatsache konfrontiert, dass die Kanonisierung der Bibel ein Prozess war, der sich über Jahrhunderte erstreckte - und der ein erkenntnisfähiges und vom Heiligen Geist geleitetes Subjekt voraussetzt: die Kirche.